Struktur-Chlorfenvinphos

molecule
Chlorfenvinphos



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Kampf dem Kartoffelkäfer

 Geschichte aus einem geteilten Reich der Chemie

 

Der 10. Mai des Jahres 1960 war ein verregneter Tag. Missmutig schaute Professor Dr. Bernhard Röber auf die gegenüber liegende gelb geklinkerte Fassade des chemischen Institutes der Humboldt-Universität in Berlin. Doch der Schmutz, der den Klinkern ihren Glanz nahm, wurde nicht von den Wassermassen die aus einem bleiernen Himmel fielen abgewaschen.  „An einem Dienstag“, murmelte der Spezialist für organische Chemie, dessen Fachgebiet durchaus dem Kollegen in dem Text von Wolfgang Borchert mit dem Titel des eben geäußerten Zitats entsprach, denn er ärgerte sich nur scheinbar über das Wetter. Vielmehr lag ihm die Beratung mit dem Vorsitzenden des Forschungsrates der DDR schwer im Magen. Jener Experte, der schon das Kaiser-Wilhelm-Institut leitete, als noch schwarz uniformierte Truppen ständig den Arm hochrissen, ein Heil Hitler brüllten und die Grundlagen seiner gegenwärtigen Forschung bereits einer militärischen Verwendung harrten. Jener

Peter-Adolf Thiessen hatte ihm im persönlichen Gespräch eröffnet, dass er seinen Vortrag für die Tagung  an der Universität in Göttingen nicht halten dürfe. Er begründete dies mit dem hohen Stellenwert, die seine Forschung auf dem Gebiet der Schädlingsbekämpfung für die DDR besäße. Bernhard Röber konnte es nicht lassen ihm daraufhin die Frage zu stellen, ob denn durch den Vortrag eventuell wichtige Informationen an den Feind gelangen könnten, die  eine erneute biologische Angriffswelle mit Kartoffelkäfern wie im Jahr 1950, jedoch mit größerem Erfolg, ermöglichen würde.

Forschungsratsvorsitzender Thiessen verzog keine Miene und entgegnete: „Genosse Röber, es geht nicht um den Vortrag, sondern um Ihre Mitarbeiter, die sich auf solchen Veranstaltungen im Westen merkwürdigerweise verflüchtigen wie Diäthyläther, wenn er aus der Flasche gelassen wird.“ Das saß und Professor Röber hatte Mühe seinen Ärger zu verbergen. Da kam ihm eine Idee. „Ich habe einen wirklich guten Assistenten, der kurz vor seiner Promotion steht. Er arbeitet auf dem Gebiet der Phosphorsäureester bezüglich seiner Wirkung auf Pflanzen und Insekten. Er ist absolut zuverlässig und wird mit Sicherheit nicht seine Promotion auf das Spiel setzen.“

 

Peter-Adolf Thiessen schaute noch grimmiger aus: „Na wunderbar, das hört sich nach Nervenkampfstoffen an. Dann können wir ja gleich auch noch ein paar Kernphysiker aus der UdSSR nach Göttingen schicken. Dann ist der Klassenfeind umfassend über unsere Verteidigungsmaßnahmen informiert. Haben Sie noch weitere solcher  hervorragenden Ideen?“  Professor Röber ließ sich aber jetzt nicht von seinem Vorschlag abbringen. „Sie können mir die Reise gern verbieten, dann erklären Sie auch am besten gleich, warum ich nicht zwei Tage später in Moskau an der Festveranstaltung teilnehmen kann. Es wird dann heißen, ich sei in Ungnade gefallen, weil westdeutsche Wissenschaftler fest mit meiner Teilnahme rechnen. Ein Fressen für die Westpresse. Warum drehen wir den Spieß nicht um. Ich sage den Vortrag wegen dringlicher Verpflichtung ab und wir schicken den Walter Gottschlich als Vortragenden nach Göttingen mit der Maßgabe sich auf seinem Fachgebiet umzuhören, denn wir haben doch wenig Informationen, wie weit der Westen auf diesem Fachgebiet ist.“  Der Forschungsratsvorsitzende Thiessen behielt seine grimmige Miene bei und wollte mit einem barschen Einwurf die Diskussion beenden. Doch leuchtete ihm die Argumentation von Bernhard Röber ein. Es gingen schon viel zu viele Gerüchte über den Exodus von guten Wissenschaftlern an der Humboldt-Universität um. Ein Assistent würde in Göttingen als Vortragender nicht auffallen, doch in Moskau musste Röber präsent sein. Ein Unpässlichkeit würde man ihm nicht abnehmen. Gönnerhaft antwortete er: „Nee, lassen Sie mal, über das Fachgebiet ihres Mitarbeiters haben wir schon unsere Leute, die uns mit Informationen versorgen.“ Bernhard Röber schaute ihn erstaunt an und stammelte nur ein „So so.“ Peter-Adolf Thiessen erschrak, denn er wurde sich nun bewusst, dass er unversehens ein Staatsgeheimnis ausgeplaudert hatte. Er fing sich aber wieder schnell. „Ach vergessen Sie, was ich eben sagte, ich bin ja kein Experte auf diesem speziellen Gebiet. Sie wissen ja, dass ich in der UdSSR mich mit physikalischen Problemen auseinandersetzte. Wie hieß der Mann? Walter Gottschlich? Wissen Sie was, ich lasse ihn überprüfen auf seine Zuverlässigkeit und Sie begründen mir in einem Gutachten, warum er geeignet ist und versichern ehrenwörtlich, dass er wohlbehalten nach der Tagung bei uns wieder eintrifft.“ Das war gerade noch mal gut gegangen, sagte Thiessen zu sich selbst. Professor Röber musste grinsen und bemühte sich ein freundliches Lächeln zu zeigen, als er versöhnlich erwiderte: „Ich weiß doch Genosse Forschungsratsvorsitzender, dass sie mit dieser Art der Chemie schon seit Jahrzehnten nicht mehr vertraut sind, wegen Ihrer Auslandstätigkeit.“ Insgeheim sagte er sich: „Du Hund, meinst wohl, dass ich die Zeit am Kaiser-Wilhelm-Institut vergessen habe? Wer hat denn nahtlos an die Ergebnisse von Wilhelm Steinkopf angeknüpft?“ Die Verabschiedung erfolgte kurz und sachlich.

 

Wieder murmelte er „An einem Dienstag“, vor seinen Augen war der Chemiker im Labor, die langen Zahlenkolonnen und die vertrocknete Pflanze im Fenster. Seine Gedanken gingen zurück an seine Lichterfelder Schulzeit, die Paukanstalt, eine Oberrealschule,welche nach einem Flugpionier mit jüdisch klingendem Namen benannt war und an der Jahre zuvor sein Vorbild für den klassenbewussten Akademiker, der sowjetische Spion Dr. Richard Sorge, die Schulbank gedrückt hatte. Er dachte an die nie enden wollenden Etüden aus der „Schule für die Geläufigkeit“, die er üben musste und seiner Klavierlehrerin anschließend vortrug. Sie lebte noch ganz in der Kaiserzeit und nebenbei erfuhr er, dass ihr Schwager Wilhelm Steinkopf war, der am Kaiser-Wilhelm-Institut forschte und Gedichte schrieb. Nach ihm und seinem Kollegen Lommel war ein berüchtigter Kampfstoff benannt worden. Dichlordiäthylsulfid lautete der wissenschaftliche Name für die tödliche Abkürzung LOST.

 

Am folgenden Tag hatte sich der Himmel aufgelockert und gelegentlich schaute die Sonne durch die Wolken. Professor Röber ließ sich von dem Wetter anstecken und suchte das Labor seines Mitarbeiters Walter Gottschlich auf. Im Abzug war in einem Heizpilz ein Rundkolben mit aufgesetzter Vigreuxkolonne, in der eine gelbliche Flüssigkeit brodelte. Walter Gottschlich saß an einem Tisch und schrieb ein Protokoll. „Tach, Herr Gottschlich, wie geht’s voran?“ begann der Professor die Unterhaltung.  „Ach, Herr Professor Röber, so weit bin ich ganz zufrieden, die Synthese steht im Großen und Ganzen. Das Rohprodukt ist gerade unter Rückfluss am Kochen. Aber das Hauptproblem ist die Umsetzung von Zweifach-Dichlorophenyläthanon und dem Triäthylphosphit. Ich muss das Triäthylphosphit noch stabilisieren, damit es sich nicht zersetzt, besonders im industriellen Prozess.“ Professor Röber nickt: „ Das ist in der Tat der Knackpunkt und wir müssen uns beeilen, damit wir dem Klassenfeind zuvorkommen, man munkelt, dass da schon Patente eingereicht werden sollen in Amerika. Wir brauchen aber unser „Chlorfenvinphos“ im Kampf gegen den Kartoffelkäfer und den anderen Schädlingen. Ich wollte Sie hier einmal noch wegen einer wichtigen anderen Gelegenheit sprechen. Die ist streng vertraulich.“

 

Bernhard Röber gab eine kurze Zusammenfassung über den Verlauf des Gespräches mit dem Vorsitzenden und fuhr fort: „Sie sehen, mein lieber junger Kollege, dass ich mich ganz auf Sie verlassen muss. Ich zweifele nicht, dass ich Sie nach der Tagung in Göttingen hier bei uns wieder an der Arbeit sehe, doch müssen Sie mir Ihr Wort darauf geben.“ Walter Gottschlich schien sehr nachdenklich und zögerte etwas, bis er pathetisch ausholte: „Herr Professor, ich bin mir der Verantwortung für die Zukunft unseres Arbeiter- und Bauernstaates völlig bewusst. Meine Forschung steht im Dienst des Fortschritts der sozialistischen Gesellschaft, deren Teil ich bin und der ich diese Ausbildung verdanke. Ich bin sehr enttäuscht, dass Viele meiner Mitstreiter, zu denen ich allerdings nur ein loses Verhältnis hatte, aus egoistischen Motiven unsere DDR verließen um sich in den Dienst des Klassenfeindes zu stellen.“ Es entstand eine kurze Stille. Professor Röber hatte mit den  Jahren die Fähigkeit entwickelt ein unbewegtes Gesicht zu zeigen, wenn Parteiphrasen gedroschen wurden. In seinem Innern jedoch regte sich plötzlich Misstrauen. Doch scheinbar gelassen entgegnete er: „Davon bin ich bei Ihnen absolut überzeugt. Sie kennen meine Arbeiten über die Rückstandsanalyse von Azinphos-methyl an Kartoffelkraut. In dem Vortrag sollten Sie Gewicht auf die analytische Methode legen und immer im Hinterkopf behalten, dass seit 1958 in den USA ein Patent auf die Synthese hinterlegt ist. Wir dagegen wollen die Analyseverfahren für das Produkt uns patentieren lassen, denn um die haben sich die Amis nicht gekümmert. Es darf auch nichts über die neue Synthese ihres Chlorfenvinphos an die Öffentlichkeit gelangen. Beziehen Sie sich in der nachfolgenden Diskussion allein auf die Analytik. Da Sie mein Assistent sind, wird man Sie nicht allzusehr löchern, die Arroganz westdeutscher Professores ist sprichwörtlich. Das werden Sie selbst merken, wenn Sie mit Oskar Glemser zusammentreffen als Chef der Anorganik.“ Walter Gottschlich musste lachen, den mögen Sie wohl gar nicht?“ „Ich wüsste nicht, wer ihn mögen könnte. Als Wissenschaftler ist er sehr gut, doch als Mensch eher zweifelhaft. Mir wurde zugeflüstert, dass die Studenten in Göttingen die Arroganz eines Hochschullehrers in „Glem“ messen. Oskar Glemser besitzt eine Einheit davon, der schlichte Bürger nur millionstel Bruchteile eines Glem. Aber ich habe den Auftrag ein Gutachten über Ihre Vergangenheit zu schreiben. Mir wäre es am liebsten, Sie kämen gegen 16 Uhr in mein Zimmer, damit ich mir Ihren mündlichen Bericht aufschreiben kann. Ich möchte keine schriftliche Äußerung von Ihnen, haben Sie mich verstanden?“ Walter Gottschlich nickte, er wollte noch etwas fragen, doch da war der Professor schon aus dem Labor verschwunden.  

 

Um Vier Uhr nachmittags stand Walter Gottschlich im Sekretariat des Professors und wurde nach wenigen Minuten hineingerufen. „Setzen Sie sich“,  beschied ihm der Professor. „Sie sind bisher nicht ins Ausland gefahren, außerhalb unseres Wirtschaftsblockes. Darum muss ich Ihnen jetzt ein paar Fragen stellen, die Sie bitte wahrheitsgemäß beantworten wollen. Sie haben keinen Vater mehr, nur noch eine Mutter, wo wohnt Sie?“ Wahrheitsgemäß antwortete er: „Sie lebt in Westberlin in Charlottenburg. Sonst habe ich keine Angehörigen in Westdeutschland.“ Der Professor nickte zustimmend und fragte weiter: „Was haben Sie gegen Kriegsende gemacht? Hat man Sie noch eingezogen? Sie kommen ja aus Schwedt an der Oder.“ Da begann Walter Gottschlich ausführlich zu erzählen. „ Ich bin gerade noch der Wehrmacht entkommen. Ich war Luftwaffenhelfer und unsere Flakstellung lag bei Pinnow unweit von Schwedt.  Wir hatten eine Munitionsfertigung und einen Flugplatz zu schützen, doch Ende Januar wurden wir auf Geheiß von SS-Mann Skorzeny nach Schwedt verlegt, dass zur Festung erklärt wurde. Später kamen wir nach Berlin, wo ich bei meiner Mutter wohnte und den Dienst in der Reichssportfeld-Stellung versah. Nach einem schweren Luftangriff blieb ich im Keller, weil die Sowjetarmee schon im Anmarsch war. Man hat mich einfach übersehen, den Blockwart hatten ein paar Ziegel erschlagen und der Rest der Hausgemeinschaft hielt dicht. So überlebte ich den Krieg.“ Professor Röber war sehr befriedigt. „Dann kann man also sagen, dass Ihre Mutter aktiv gegen die Nazis gearbeitet hat und Sie sich dem Wehrdienst entzogen haben um sich der ruhmreichen sowjetischen roten Armee zu stellen?“ Walter Gottschlich hatte große Mühe seine innere Heiterkeit zu verbergen, denn er kannte die Lobeshymnen seiner Mutter auf die schönen KdF-Reisen in- und auswendig, wie sie schwärmte von „Kraft durch Freude“ und dass man ja wirklich dachte der Führer wollte Sozialist und ein Wohltäter für das Volk sein. Stattdessen stimmte er bedächtig zu mit einem: „Das könnte man gut und gern so schreiben.“

 

Eine Woche später kam der Professor ins Labor mit freudigem Gesichtsausdruck und rief fröhlich: „Na dann packen Sie mal Ihre Sachen für Göttingen. Die Reiseunterlagen und Wechselgeld können Sie sich in der Reisestelle abholen. Es hat geklappt und wir sehen uns dann wieder, wenn ich aus Moskau zurück bin. Morgen gehe ich mit Ihnen den Vortrag durch und wir besprechen die Strategie in allen Einzelheiten. Seien Sie bitte um acht in meinem Büro.“

 

Walter Gottschlich triumphierte. Nach dem umständlichen Zusammenstellen der Vortragsunterlagen, dem Kontrollieren der Dias, welche gezeigt werden sollten für das Auditorium und dem sicheren Verpacken war seine Rindslederaktentasche prall gefüllt.

Unmittelbar nach der Besprechung machte er sich auf um seine Fahrkarten und Hotelreservierung bei der Reisestelle abzuholen. Jetzt galt es den Aufenthalt in dieser Stadt genau zu planen. Zwei Nächte waren ihm zugebilligt worden. Das stand deutlich auf der Hotelreservierung. Die Herberge kannte er sowenig  wie ihm die Stadt ein Begriff war. Ihm waren die berühmten Chemiker und Physiker der Universität geläufig, aber wie die Stadt beschaffen war, wusste er nicht. Er las den Namen „Hotel-Central“ und bei dem Straßennamen zog er leicht die Augenbrauen hoch. „Jüdenstraße“ erschien ihm doch etwas anrüchig. Verwundert war er über die über die Fahrkarten. Erfreut hatte er zur Kenntnis genommen, dass er Platzkarten für den Zug hatte, doch groß war sein Erstaunen, als er zusätzlich eine Karte für den Liegewagen vorfand von Berlin bis Bebra.

Als er wegen der ungewöhnlichen Zugverbindung nachfragte, beschied man ihm, dass die Entfernung von Bebra nach Göttingen nur 80 km betragen würde im Gegensatz zu der Route über Magdeburg, wo 200 km in Westdeutschland zu fahren und in Westmark zu bezahlen wären.  Angesichts der Tatsache, dass er den Montag noch im Labor verbringen müsste, sich dann im ratternden Zug eine Nacht um die Ohren schlagen müsse bis zur Ankunft in Bebra gegen fünf Uhr morgens um dann schließlich gegen halb sieben in Göttingen zu sein, war er gezwungen seinen Plan zu ändern. Doch Walter Gottschlich ließ es sich nicht verdrießen. Auch das würde ihn nicht abhalten seiner Freiheit und einem „anständigen“ Leben, wie er es nannte, näher zu kommen.

 

Berta Gottschlich war eine resolute Frau. Sie hatte im Krieg ihren Mann verloren, dass hatte sie bewogen sich keinem weiteren Risiko auszusetzen und als sie aus Schwedt noch rechtzeitig entkommen war, legte sie sich schnell ein demokratisches Gewand an. Mit Ungeduld erwartete sie schon den Doktortitel für ihren Sohn, damit er möglichst anschließend in Westberlin bei Schering einen guten Posten kriegen würde. Immer wieder spielte sie in Gedanken die Szene durch, wo sie ihrer Nachbarin so ganz beiläufig erzählen würde, dass sie jetzt einen „Doktor“ als Sohn habe. Er hatte ihr bei seinem letzten Besuch schon Andeutungen gemacht, dass er wahrscheinlich für seinen Professor verreisen müsste. Das erfüllt sie mit Genugtuung und so freute sie sich auf den Sonntag, wo Walter sich verabschieden würde. Sie beschloss daher einen Kuchen zu backen und ihre beste Freundin Emma Pansler einzuladen. Sie hatten sich während des 1. Weltkriegs als Straßenbahnfahrerinnen kennen gelernt, wozu sie als junge Frauen in Berlin  dienstverpflichtet waren.

 

Trotzdem war sie recht erstaunt, als ihr Sohn am Sonntag mit einem Koffer auftauchte. Er erklärte den beiden Damen, dass er ihn am Montag abends abholen wolle, denn er würde gern zum Abendbrot kommen, bevor er dann gegen halb neun Uhr vom Bahnhof-Zoo in den „Interzonenzug“  einsteigen würde. Emma Pansler, die über viel Reiseerfahrung verfügte, befand: „Das ist nur mehr wie richtig.“ Ihr machte es Spaß hin und wieder falsches Deutsch zu benutzen und sich zu amüsieren, wie andere zusammenzuckten.

Das tat auch Walter Gottschlich, aber fing sich schnell wieder. Es wurde ein sehr harmonischer Sonntagnachmittag. Bis auf die empörte Äußerung von Emma Pansler angesichts der Tatsache, dass so viele Wissenschaftler in den Westen gehen würden. Der Bevölkerung in der DDR würde ja auf diese Weise ein richtiger Schaden zugefügt. „Aber Sie kommen ja wieder, sie wollen ja Ihren Doktor bauen und haben bestimmt eine glänzende Karriere vor sich.“  Wer Walter Gottschlich gut kannte, merkte nicht nur dass er gequält zustimmte, sondern auch sehr verstimmt über diese Ansicht war. Seine Mutter hatte dafür kein Gespür, weil sie schon wieder in Gedanken war, wie es wohl auf der Tagung zugehen würde und welchen Eindruck er dabei auf die internationalen Wissenschaftler am Vortragspult machte.

 

Walter Gottschlich traf gegen zehn Uhr abends in seiner Behausung in der Thulestraße in Pankow ein.  Er besaß dort eine kleine Wohnung, die sich vornehm als „Souterrain“ bezeichnete, als es der ehrlichere Begriff „Kellerwohnung“ beschrieb. Auf dem Tisch im Wohnzimmer lag die Rindslederaktentasche und als er hineinschaute, da zerriss ein Bogen Durchschlagspapier mit dem er den Diakarton eingewickelt hatte. Er war mit seiner Arbeit zufrieden, denn er hatte einen Faden, der sich in der Farbe kaum vom Innenfutter unterschied durch den Bogen und so befestigt, dass er beim Öffnen der Aktentasche das dünne Papier zum Einreißen bringen würde. Es hatte also keiner versucht die Tasche in seiner Abwesenheit zu untersuchen. Trotzdem war sie merklich dünner geworden. Der Grund lag darin, dass Walter einen ganzen Stapel loser Blätter und einige Hefte in seinen Koffer umgepackt hatte, der sich jetzt bei seiner Mutter befand in der Otto-Suhr-Allee in Charlottenburg. Er stellte das Radio an und hörte noch den Wetterbericht, der für den Montag starke Bewölkung und Regenschauer vorhersagte. Er öffnete eine Flasche Bier, während aus dem Radio sozialistische Schlagermusik dudelte, was er eigentlich verabscheute.– „Aber an meinem letzten Abend in der Hauptstadt der DDR vertrage ich auch noch dieses Geplärr. Prost“, rief er laut und deutlich und genoss den bitteren Pilsgeschmack. Er sah sich schon als hofierter Wissenschaftler an einer modernen Universität im Westen, so ähnlich wie die FU in Dahlem, weg von all dieser Tristesse, der Gängelung, den ewigen Solidaritätsappellen und der Schnüffelei. Außerdem wusste er, dass man in Westdeutschland sehr gutes Geld als Chemiker verdienen konnte. Der Professor Röber war ihm egal. Der war alt und hatte sich mit dem System arrangiert. Der würde weiter an seinen Analyseverfahren herumfummeln, während er, Diplom-Chemiker und angehender Doktor im  Westen sicher bald eine Forschungsabteilung leiten würde. Darauf gönnte er sich noch ein zweites Bier und als der Gerstensaft seine Wirkung zeigte, legte Walter Gottschlich sich schlafen.

 

Am nächsten Morgen betrat  er das Institut, sogleich kam die Sekretärin auf ihn zu und gab ihm einen Zettel. Mit großer Schrift wies ihn Professor Röber noch einmal darauf hin, dass er gegenüber westdeutschen Kollegen zurückhaltend sein sollte und wünschte ihm viel Erfolg. Er selbst war schon am Morgen nach Moskau von Schönefeld abgeflogen. Walter Gottschlich dachte nur bei sich: „Du wirst dich noch wundern.“ Dann räumte er seinen Arbeitsplatz im Labor auf. Vor Freitag würde er hier nicht erscheinen – wenn er überhaupt noch zurück käme. Daher wäre zu  viel Ordnung verdächtig gewesen. Die Uhr zeigte halb fünf, als er sich von der Sekretärin verabschiedete, die ihm viel Erfolg und eine gute Reise wünschte. Mit seiner Rindslederaktentasche bewaffnet nahm er die U-Bahn und fuhr bis zum Richard-Wagner-Platz. Nach kurzem Fußmarsch erreichte er das neu erbaute weiße Mietshaus in der Otto-Suhr-Allee. Auf sein Klingeln am Eingang schnarrte Sekunden später der Summer und seine Mutter schwebte im Fahrstuhl ihm entgegen. Ein opulentes Abendbrot war bereits vorbereitet, sie hatte sogar Brote für ihn geschmiert. Gegen halb acht verabschiedete er sich, schnappte den Koffer und verließ die Wohnung mit dem Versprechen, am nächsten Wochenende haarklein von dieser Reise zu berichten. Auf dem Bahnsteig A des Bahnhofs Zoologischer Garten standen schon sehr viele Reisende. Die Schulferien standen vor der Tür. Dennoch war sein Abteil nicht vollständig reserviert. Außer seinem Platz waren zwei weitere Plätze markiert. Das war ihm ganz recht, denn zu viele Reisende im Abteil hätten ihn kaum schlafen lassen. Allerdings erstaunte es ihn, dass die anderen Plätze leer blieben, als der Zug sich in Bewegung setzte. Gegen Mitternacht fuhr der Zug in den Leipziger Hauptbahnhof ein. Dort musste die Lok wegen des Kopfbahnhofs gewechselt werden und während des längeren Haltes

rauchte er auf dem Gang in Ruhe eine Zigarette. Plötzlich erschienen zwei Herren angeregt plaudernd, die auf das Abteil zustürzten. „Hier muss es sein, vergleiche doch mal die Karten“, meinte der Eine. Er war hochgewachsen und kam Walter Gottschlich irgendwie bekannt vor. Der Andere war etwas gedrungener und auch wohl jünger. Als die beiden sich im Abteil eingerichtet hatten, betrat es Walter Gottschlich und begrüßte freundlich die Herren. Der Ältere stellte sich als  Karl Mohs vor. Er versäumte es nicht, dass der berühmte Mineraloge Friedrich Mohs ein Urahn war. Da schaltete Walter Gottschlich und fragte sogleich: „Uni Leipzig?“ „Ja Herr Gottschlich, Ihr Name kommt mir aber auch bekannt vor. Ich bin jetzt Direktor im VEB „Chemisch-Technische Laboratorien. Sind Sie aus Berlin?“ Walter Gottschlich bejahte und beschrieb in Kürze sein Forschungsgebiet und dass er deshalb nach Göttingen fahren würde. „Da wollen wir auch hin“, platzte es aus dem Jüngeren heraus.  „Das ist übrigens mein Assistent, Chemie-Ingenieur Frank Wellenthin. , erklärte Herr Mohs. Walter Gottschlich war unangenehm berührt. Das hatte ihm auch noch gerade gefehlt. Zwei Kollegen, die wahrscheinlich nicht von seiner Seite wichen. Das würde die Umsetzung seines Planes erschweren. Doch die Beiden machten sich schon bettfertig, so weit wie ein Liegewagen es zulässt, sie hatten Liegen herausgeklappt und dem folgte auch Walter Gottschlich.

 

Der Morgen nahte schnell. Hinter dem Rollo drang schon das sommerliche Morgenlicht  ins Abteil, da hielt der Zug. Es entstand Unruhe. Wenig später kamen die Beamten der Pass- und Zollkontrolle. Ein kurzer Blick in die Koffer und die Begutachtung der Reisepapiere genügten. Schließlich handelte es sich ja um Repräsentanten des Arbeiter-  und Bauernstaates. Ein frischer Wind begrüßte das Trio auf dem Bahnhof Bebra. Sie waren fast allein auf dem Bahnsteig, doch eine halbe Stunde später fuhr der Schnellzug aus München ein, mit dem sie ihre Reise nach Göttingen fortsetzten.

 

Es war ein kühler Morgen in Göttingen und die Reisegruppe verspürte Hunger, doch um diese Zeit war noch kein Geschäft geöffnet. Man meckerte leicht über diesen Mangel, wobei auch das Wort Provinznest fiel. Doch stellte sich schnell heraus, dass die drei in demselben Hotel untergebracht waren. „Offenkundig hat das Reisebüro der DDR die Buchungen durchgeführt“, meinte Karl Mohs und schlug vor, doch zuerst zu dem Hotel zu gehen, das Gepäck dort zu deponieren und dann vielleicht dort gleich nach einem Frühstück zu fragen. Die beiden Anderen stimmten zu und nach dem Studium des Stadtplans vor dem Bahnhof stellten sie erfreut fest, dass das Hotel sich in der Altstadt befände und sie keinen weiten Fußmarsch vor sich hätten. Allein Walter Gottschlich war sehr unwohl bei der gemeinsamen Unterbringung. Das schränkte doch seinen Spielraum erheblich ein.  Glücklicherweise hatten sie Einzelzimmer und Walter Gottschlich fand nach kurzer Suche ein gutes Versteck für seine persönlichen Papiere hinter dem Schrank in seinem Zimmer. Da waren sie sicher, denn während des Frühstücks ergaben sich fachliche Gespräche und es zeigte sich, dass Karl Mohs mit sehr guten Kenntnissen auf dem Gebiet der Analytik und der Phosphorsäureester  aufwarten konnte. Sein Adlatus steuerte dazu eine Reihe von verfahrenstechnischen Erfahrungen bei. Es hieß auf der Hut zu sein. Nach dem Frühstück beschlossen die Drei sich frisch zu machen und um kurz vor zehn Uhr sich auf den Weg zur Eröffnungsveranstaltung im Audimax  zu begeben. An diesem neoklassizistischen Gebäude waren sie auf dem Weg zum Hotel bereits vorbei gekommen.

 

Das Audimax war recht gut gefüllt mit Professoren in Talaren und dem Rektor mit seiner obligatorischen Amtskette darüber, was Walter an einen Gottesdienst mit hohen Würdenträgern erinnerte. Nachdem der Rektor die Anwesenden begrüßt hatte, erklomm der Oberbürgermeister das Podium und betonte in seiner Ansprache die Bedeutung dieser Tagung für die Stadt Göttingen, dass auch aus dem benachbarten Ausland Fachleute die Stadt  mit ihrer Teilnahme beehrten, doch dann holte noch einmal aus: „Deutsche Wissenschaft ist unteilbar, deshalb begrüße ich auch die Koryphäen aus der sowjetischen Besatzungszone, unsere akademischen Brüder, die Schwestern fehlen leider, zu dieser Tagung. Bitte stehen Sie doch einmal auf, damit wir Sie in voller Schönheit bewundern können.“ Lautes Klatschen und freundliches Lachen begleitete sein launiges Ender der Rede.

Karl Mohs, der neben Walter Gottschlich stand, flüsterte ihm zu: „Der hat sich über die Bestimmung der Alkoholkonzentration im Blut habilitiert. Mit dem Blut hatte er es immer schon, der war im tausendjährigen Reich nämlich auch Rassehygieniker. Den haben sie dann, nachdem Gras über die Sache gewachsen war zum Professor für Versicherungsmedizin gemacht.“ Walter schüttelte ungläubig den Kopf: „Das gibt es also tatsächlich, dachte immer das ist Propaganda.“ Doch bevor die beiden noch weiter flüstern konnten, hatte bereits ein älterer Mann das Podium erklommen und stellte sich als Hans Storkmann und als Vertreter der organischen Chemie vor. „Für heute Nachmittag haben wir das Institut extra für sie präpariert um Ihnen vorzuführen wie wir ausgestattet sind und um unter Kollegen schon erste Gespräch in den Laboratorien gewissermaßen „vorort“ zu führen. Man möge es mir verzeihen, aber mein liebstes Kind ist derzeit unsere Analysestation mit dem nagelneuen Gaschromatographen. Wir würden uns sehr freuen, Sie bei uns begrüßen zu dürfen.“

Heftiger Applaus ertönte, war es doch zugleich ein Zeichen dafür, dass die offizielle Feierstunde beendet wäre, abgesehen vom dem obligatorischen Streichquartett, welches zu Beginn als „chemisch rein“ vorgestellt wurde, weil die Musiker sämtlich Chemiker waren. Leider war die Tonqualität weitaus weniger rein. Doch Ludwig van Beethoven hätte es nicht gestört, denn zum Zeitpunkt dieser Komposition war er bereits ertaubt.

 

Walter Gottschlich sah genau in dieser Besichtigung die Chance unbeaufsichtigt mit einigen Kollegen in Kontakt zu kommen. Doch ein anderer Mann, etwas älter als er, schien wohl dies auch für eine gute Idee zu halten und sprach ihn bei dem Hinausgehen an. „Herr Kollege, kommen Sie auch am Nachmittag zu uns?“ Walter Gottschlich nickte und fragte, wie er das Institut finden könnte. „Das kann ich Ihnen auch als Auswärtiger beschreiben, ach Entschuldigung ich heiße Heinz Kerber und arbeite im Bereich der katalytischen Chemie am chemischen Institut der Uni Bonn unter der Ägide von Professor Rudolf Klammer. Den müssten Sie eigentlich kennen“, meinte er. „Oh ja, den Namen habe ich oft gehört von meinem Doktorvater Bernhard Röber.“ „Ja, der ist uns natürlich auch bekannt und ich habe in der Vortragsankündigung gesehen, dass Sie über seine neuesten Forschungsergebnisse berichten werden. Mein Chef Rudolf Klammer hat mich extra beauftragt Sie eventuell um einen Auszug zu bitten, da die Drucklegung der Vorträge wohl erst zum Jahresende erfolgen wird.“ Walter Gottschlich wurde es etwas unbehaglich, denn obwohl er sich fest vorgenommen hatte nicht mehr nach Berlin zurückzukehren, wollte er die Forschungsarbeit seines Chefs doch nicht so einfach weitergeben ohne Genehmigung. Um Zeit zu gewinnen schlug er vor, ob man sich nicht abends gemütlich treffen könnte auf ein Bier um dort genauer über die Arbeit zu sprechen. Heinz Kerber hob abwehrend die Hände: „Oh bitte kein Bier, denn ich bin häufiger hier in Göttingen und das lokale Bier wird von den Studenten „Göttinger Ekel-Pils“ genannt, aber Herr Pettasch, mit dem ich zusammenarbeite, der geht mit mir immer in die Junkernschänke in der Altstadt. Dort gibt es leidlich gute Weine.“ Man verabredete sich für den Abend um acht Uhr.

 

Das Trio aus dem Schnellzug von Berlin traf sich nachmittags im chemischen Institut zur Besichtigung. Karl Mohs begrüßte ihn: „Willkommen im goldenen Westen, also wenn Sie mich fragen ist das eine Bruchbude, die auch bei uns in Merseburg stehen könnte.“ „Psst, nicht so laut. Feind hört mit“, bemerkte Frank Wellenthin. In der Tat gesellte sich zu Ihnen ein junger etwas gedrungener Mann mit dunklen Haaren, der sich als Robert Machnik vorstellte. „Meine Herren, darf ich weiter durch unsere heiligen Hallen führen? In der Tat ist dieses Institutsgebäude schon alt und hat auch hin und wieder überraschende Funde zu bieten.  Vor zwei Jahren hat der Laborsaal einen neuen Fußboden bekommen. Zuvor war er mit Parkett ausgelegt. Was glauben Sie, was wir dort gefunden haben, als die Holzleisten entfernt wurden?“ „Lassen Sie mich raten“, unterbrach Karl Mohs: „Teile des verschwundenen Bernsteinzimmers?“  „Nein, nicht ganz richtig, es waren rund zwei Kilogramm Quecksilber, die sich am tiefsten Punkt gesammelt hatten.“ Mit fröhlichem Lachen ging die Gruppe an einer Reihe von kleineren Labors entlang. An einer Labortür stand der Name Dr. Pettasch. Frank Wellenthin wurde stutzig: „Haben Sie gesehen Herr Mohs, ihr alter Freund Pettasch ist wohl hier gelandet.“ Abrupt blieb der Angeredete stehen. „Wie kommen Sie denn auf den?“ Frank Wellenthin wies auf die Tür. „Hier residert er.“ „Kennen Sie den Herrn Pettasch?“ erkundigte sich Robert Machnik. „Soweit ich weiß kommt er aus dem Osten, aber hat nur ein Jahr dort in Jena studiert.“ „Ach ja, er hatte sich wohl mehr versprochen, als wir ihm bieten konnten. Dann hat sich aber seine Spur schnell verloren“, meinte Karl Mohs eher wegwerfend und schaute seinen Assistenten durchdringend an. Nach etwas über einer Stunde hatten sie das Institut erkundet und die drei kamen überein sich erst einmal im Hotel auszuruhen, denn die Zugfahrt habe sie doch recht mitgenommen. Robert Machnik nickte: „Tun Sie das, denn morgen Abend ist ja der Empfang im Institut und das wird bekanntlich ein langer Abend.“

 

Im Hotel angekommen verabschiedete man sich und Walter Gottschlich erklärte, dass er den Abend nutzen wollte um noch einmal die Papiere durchzugehen, während die beiden anderen beschlossen sich die Altstadt inclusive des Studentenlebens anzusehen. Walter Gottschlich schloss sich in seinem Zimmer ein und begann die Vortragspapiere zu ordnen die Dias zu sortieren, welche bereits am Morgen abgegeben werden mussten und das Manuskript für die Veröffentlichung. Er beschloss keinen Auszug des Vortrages anzufertigen, weil ihm die Einladung in der Junkernschänke zu profan dafür erschien.

 

Nebenbei vergewisserte er sich,ob seine privaten Unterlagen noch am Platz waren. Sie ruhten noch in Ihrem Versteck, wobei er feststellte, dass eine gründliche Reinigung des Zimmers auch hinter dem Schrank nötig wäre. Dann verließ er das Zimmer, um sich auf den Weg zur Mensa zu machen, die preisgünstiges Essen anbieten sollte. Erfreut stellte er fest, dass Studenten aus der „Ostzone“ eine Ermäßigung bekamen und nach Vorzeigen seines Ausweises kam auch er in den Genuss dieser Verbilligung. Gut gesättigt schlenderte er durch die Altstadt zur Junkernschänke, die als Fachwerkbau mit obligatorischen Butzenscheiben „urdeutsche“ Gemütlichkeit ausstrahlen sollte. Innen jedoch ging es recht vornehm zu, er durfte sich sogar selbst einen Platz aussuchen. Nach etwa einer Viertelstunde tauchte die lange Gestalt von Heinz Kerber auf. Er trat an den Tisch und reichte dem Wartenden seine Hand, der zur Begrüßung aufgestanden war. „Ach behalten Sie doch Platz Herr Gottschlich. Wie ich sehe haben Sie gut unseren Treffpunkt gefunden.“ Er setzte sich und empfahl einen leichten Mosel, der bei der sommerlichen Wärme gut bekömmlich sei. So entspann sich langsam, ein allgemeines Gespräch, wobei auch die politische Lage nicht ausgespart wurde. Doch Walter Gottschlich vermied zu eindeutige Stellungnahmen und fragte sein Gegenüber immer wieder über die Zukunftsmöglichkeiten der jungen Chemiker in Westdeutschland aus. Jener gab bereitwillig Auskunft und lobte zugleich die Forschung in der „sogenannten DDR“, wobei er die Gänsefüßchen stets in die Luft malte. Walter Gottschlich war kurz davor über die Vorkommnisse der letzten zwei Jahre wahrheitsgemäß zu berichten und nannte die  Hochschulreform. Da reagierte Heinz Kerber etwas heftiger und fragte direkt: „Jetzt sagen Sie mal offen, was ist eigentlich dran an dieser Reform, Ihre Kollegen verlassen scharenweise die Hochschulen. Mich wundert, dass man Sie so einfach hat an diesem Kongress teilhaben lassen.“ Der Befragte zuckte mit den Schultern und gab zurück, dass sein Doktorvater zu fast gleicher Zeit in Moskau auf Dienstreise sei und der Vortrag nicht ausfallen sollte. „Sind Sie denn allein hier?“ Er nickte. „Ach, aber da sind ja noch der Karl Mohs und sein Assistent, Sie haben doch mit Ihnen zusammen gesessen?“ Walter nickte: „Ja, wir wohnen sogar in demselben Hotel.“ „Aha, da hat man Ihnen doch zwei Aufpasser zur Seite gestellt, wie praktisch.“ „Ja“, entfuhr es Walter, „das macht die Sache ziemlich kompliziert.“ In demselben Moment hätte er sich ohrfeigen können, dass er einen Moment unkonzentriert war. Doch Heinz Kerber schien nichts bemerkt zu haben: „Ach, Karl Mohs ist ein lauterer Kollege, der immer wieder auch andere fördert. Der wird Ihnen bestimmt keine unangenehmen Fragen stellen, wenn Sie morgen vorgetragen haben. Da machen Sie sich mal keine Sorgen.“ Walter Gottschlich war erleichtert. „Mein Doktorvater hat auch nur lobendes über ihn erwähnt. Ich habe keine Angst davor. Es ist ja auch nicht mein erster Vortrag.“ Heinz Kerber lächelte und seine wohlgemeinte Antwort enthielt aber doch ein Qentchen Ironie: „Da haben Sie recht, auch wenn Ihr Interesse nicht nur dem analytischen Nachweis von Phosphorsäureestern in geringsten Konzentrationen gilt, kann ich Ihnen versichern, dass Sie auch in Westdeutschland mit Ihren Forschungsarbeiten auf großes Interesse stoßen werden und ein reiches Arbeitsgebiet für sich vorfinden. Das ist keine komplizierte Sache“ Das Lächeln schwand aus seinem Gesicht und er blickte Walter Gottschlich prüfend an. Obwohl der Angesprochene selber nicht klein war im Vergleich zu Heinz Kerber kam er sich klein vor. Er wollte eigentlich das Gespräch suchen und führen, doch das schien offenbar nicht möglich zu sein. Heinz Kerber fuhr ungerührt fort. „Hören Sie zu, Sie kennen wahrscheinlich nicht das Sauerland, da gibt es einen kleinen Ort der Grafschaft heißt. Dort wird eine ehemalige Heilstätte für an Staublunge Leidende zu einer Forschungsanstalt für Toxikologie und Aerosolforschung umgebaut.  Die Ehefrau des Leiters Doktor Miser ist ebenfalls dort tätig, sie hat jedoch eine leichte Verletzung durch falschen Umgang mit Methylfluorphosphonsäureester erlitten, deshalb wird dort eine Stelle frei, die durch einen Mikrobiologen besetzt wird. Vielleicht haben Sie ihn schon kennen gelernt. Doktor Pettasch sitzt nämlich im chemischen Institut.“ „Den Namen habe ich heute zum ersten Mal gehört. Karl Mohs und Frank Wellenthin unterhielten sich darüber. Sie schienen nicht sehr begeistert zu sein.“ Heinz Kerber lachte: „Das glaube ich denen gern, denn Doktor Pettasch ist schon vor Jahren aus der Zone abgehauen, er war in Jena.“ Walter Gottschlich nickte und fragte nun seinerseits: „Was für einen Methylfluorphosphonsäureester meinen Sie denn, klingt ja nach Sarin – aber das wird es doch wohl nicht sein.?“  Herr Kerber machte unversehends „Psscht, nicht so laut, hier gibt es auch Fachleute als Gäste. Ja, die Richtung stimmt.“ „Dann kann ich auch verstehen, dass die Stelle neu zu besetzen ist, denn die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass die Kollegin sich bald die Radieschen von unten ansieht“, gab er trocken zu Bedenken, „ da ist ja im höchsten Maße leichtsinnig mit umgegangen worden. Was sagt Ihr Professer Rudolf Klammer dazu? Der ist doch Experte auf dem Gebiet.“ Heinz Kerber wurde leicht ärgerlich: „Das können Sie sich ja denken, er hat wie ein Rohrspatz geschimpft, weil das natürlich geheim bleiben muss. Darum wollen wir auch den Pettasch dahin schicken. Die Forschung dient ja dem Schutz vor Giften und Sie haben damit auch gar nichts zu tun.“ „Sondern“, fragte Walter Gottschlich, „was wäre meine Aufgabe?“ „Sie können in Ruhe ihre Promotion beenden und spezialisieren sich weiter auf diesen Estertyp denn es geht ja nicht nur um den Kampf gegen den Kartoffelkäfer, sondern auch gegen einen ganz anderen Feind, der nicht so sanft mit Ihresgleichen umgeht. Das haben Sie ja wohl am 17. Juni 1953 gemerkt.“ Heinz Kerber hatte sich in Rage geredet. Im gefiel die Verstocktheit des Ostberliner Forschers nicht, doch musste er ihm zugestehen, dass er stets versuchte ein bestimmtes Maß an Korrektheit aufrecht zu erhalten. „Ein harter Brocken“, sagte er zu sich. Das war zweifelsohne eine Fehleinschätzung, denn seine ärgerliche Reaktion hatte Walter Gottschlich vorsichtig werden lassen. Er musste jetzt Sicherheit haben, denn das Angebot war besser als er es sich in seinen Träumen vorgestellt hatte. „Herr Kerber, wie soll sich meine Mitarbeit gestalten? Wo findet die Promotion statt? Ich müsste sie ja so verändern, dass sie auch an der Universität anerkannt wird.“ Heinz Kerber gab sich wieder konziliant. „Das habe ich mit meinem Chef in Bonn schon durchgesprochen und seitens der Institutsleitung in Göttingen wurde dem auch zugestimmt. Sie übernehmen die Oberassistentenstelle von Eberhard Pettasch und passen Ihre Promotion etwas an. Sie kollidiert sowieso zu stark mit einem bereits angemeldeten amerikanischen Patent. Die analytischen Nachweise für diese Verbindungen  wie Sarin und Verwandte sind noch nicht befriedigend. Hier können Sie gute Beiträge liefern. Sie sehen ja, was da in Grafschaft passiert ist. Außerdem leisten Sie einen Beitrag zur Wehrhaftigkeit unser freiheitlichen Demokratie, denn wenn wir über abschreckende Waffen verfügen, die auch unser Feind besitzt, dann kommen Sie nicht zum Einsatz. Das sehen Sie ja an den Atombomben. Ohne eine profunde Analytik können wir das nicht leisten.“ Überlegen Sie sich das. Das Angebot gilt nur heute, denn morgen besprechen wir das Aufgabengebiet mit Eberhard Pettasch. Ich bitte Sie eindringlichst, kein Wort von dem, was wir hier besprochen haben an Dritte. Auch nicht an Herrn Pettasch. Sagen Sie mir morgen Bescheid, wenn wir uns zum Abendessen treffen. Aber jetzt bestell' ich uns eine gute Flasche Sekt.“ Er winkte den Ober herbei und orderte eine Flasche Deinhard lila. Walter Gottschlich lenkte vom Thema ab. „Ein gemeinsames Essen käme mir sehr gelegen, denn ich möchte an dem Abendempfang nicht teilnehmen. Ich habe das Gefühl, dass wir als DDR-Wissenschaftler wie Exoten im Zoo angesehen werden.“ Heinz Kerber lachte und griff den Ball gern auf, so plauderten sie über Berliner Besonderheiten im Verglich zur Bonner Provinzstadt, die nur auf Wunsch von Konrad Adenauer Bundeshauptstadt wurde. Die Flasche Sekt verfehlte ihre Wirkung nicht und Walter Gottschlich kam in gehobener Stimmung, wenn auch etwas unsicher gehend im Hotel an.

 

Am nächsten Morgen saßen die drei Wissenschaftler am Frühstückstisch und nur Frank Wellenthin moserte etwas, weil die Semmeln ihm zu pappig erschienen. Doch Bei Walter Gottschlich machte sich eine gewisse Nervosität breit, die von Karl Mohs belächelt wurde. Schließlich meinte er: „Wenn es brenzlig wird, schalte ich mich in die Diskussion ein,  schauen Sie einfach gelegentlich zu mir hin, damit ich rechtzeitig eingreifen kann. Wir müssen ja gegen den Klassenfeind zusammenhalten.“

 

Sein Vortrag begann am frühen Nachmittag. Die Atmosphäre erschien ihm freundlich und die Vortragenden waren konzentriert und diskussionsfreudig. Die Diskussion wurde öfter wegen Zeitüberschreitung abgebrochen. Als er das Podium betrat, fiel von ihm jegliche Unruhe ab und er begann mit der Einführung in diese Thematik, deutet mit dem Zeigestock auf die Leinwand, wo die Dias klar und deutlich Strukturformeln, Reaktionsgleichungen und Eichkurven wiedergaben. Als er geendet hatte, herrschte nach kurzem lebendigen Applaus Stille. Doch sie wurde unterbrochen durch eine Frage eines Wissenschaftlers, der bei der Bayer-AG eine Entwicklungsabteilung zur Insektenbekämpfung leitete. Sie ging auch sehr stark ins Detail und er deutete auch auf die Gültigkeit von Patenten hin, die doch auch teilweise Gegenstand des Vortrages waren. Das konnte aber Walter Gottschlich mit gutem gewissen ausräumen und darauf hinweisen, dass in der DDR Substanzen entwickelt wurden, die keine bisherigen Patente verletzten und für die das Analyseverfahren besonders angepasst wurde. Plötzlich kam ein Querschuss. Ein Mann, vielleicht Anfang Vierzig fragte sehr direkt, ob dieses Verfahren auch für fluorierte Phosphonsäureester und -thioester  so empfindlich sei um geringste Konzentrationen zu messen. Er betonte, dass es ja auch extrem giftige Substanzen unter dieser Verbindungsgruppe gäbe. Deshalb wolle er gern wissen, ob zum Beispiel für eine Substanz wie Methylfluorphosphonsäureisopropylester  Erfahrungen vorlägen. Walter Gottschlich erstarrte und fragte nach: „Sie meinen Nervengase wie Sarin? In der DDR liegen keine Erkenntnisse darüber vor, weil wir, wie die Bundesrepublik, im Jahr 1954 erklärt haben auf die Herstellung atomarer, biologischer und chemischer Waffen zu verzichten.“ Im Auditorium war ein Raunen zu vernehmen. Der Fragende grinste etwas und  setzte hinzu: Das ist mir ja bekannt, ich war zu dieser Zeit in Jena. Aber mittlerweile sind etliche Jahre vergangen und ich habe die Ostzone seither nicht betreten. Es gibt ja auch mit Sarin verwandte Schädlingsbekämpfungsmittel, an denen Sie und Ihr Institut ja auch arbeiten. Verzeihen, aber etwas provozieren wollte ich doch gern.“ Das Raunen wollte nicht aufhören, so ergriff der Leiter der Tagung das Wort: „Also, wenn jetzt keine weiteren provozierenden Fragen zum Vortrag bestehen, leite ich zur Kaffeepause über und danach fahren wir fort.“

 

Man stand in kleinen Gruppen zusammen und Karl Mohs wurde durch andere Teilnehmer belagert. Frank Wellenthin ging an Walter Gottschlich vorüber, hielt kurz inne und meinte: „Sehen Sie, das ist ein Renegat, was ich noch als netten Ausdruck empfinde. Dieser Herr Pettasch ist ein typischer Republikflüchtiger. Jetzt liebedienert er vor dem Kapital.“ Walter stimmte dem zu und ihm wurde langsam klar, warum das Essen mit ihm, diesem Dr. Pettasch und Heinz Kerber stattfinden würde, doch nur wo? Lange brauchte er über die Frage nicht zu grübeln. Am Ende des Foyers sah er Heinz Kerber, der ihm bedeutete ins Treppenhaus zu folgen. Im ersten Stock fanden sie ein ruhiges Plätzchen. „Gut geschlagen haben Sie sich, Herr Gottschlich. Grämen Sie sich nicht, Eberhard Pettasch ist ein umgänglicher Mensch, nur damals in der Zone hat er einen Knacks bekommen, als sie ihn exmatrikulierten. Wir treffen uns wie alle in Göttingen an der Gänseliesel um 19 Uhr. Das ist dieser Brunnen in der Altstadt. Anschließend fahren wir in einen gemütlichen Landgasthof mit dem schönen Namen „Knochenmühle“. Ich freue mich, wenn wir drei da zusammen so richtig fachsimpeln können bei erlesenen Speisen und Weinen.“  Walter Gottschlich schien nun doch erleichtert und hoffte, dass ihm noch Zeit verblieb sich in seinem Zimmer frisch zu machen.

 

Es war ein bewölkter Tag und am Abend sah es nach Regen aus. Vorsorglich hatte Walter einen Regenmantel angezogen. Als er den Altstadtmarkt betrat, sah er schon die lange Gestalt von Heinz Kerber. Er begrüßte ihn mit den Worten: „So, Herr Gottschlich wir machen einen kurzen Fußmarsch zum Bahnhof, wo wir auf Eberhard Pettasch stoßen und uns ein Taxi nehmen. Es geht nach Herberhausen. Was meinen Sie zu unserem Gespräch am gestrigen Abend?“ „Ja, ich fand es sehr aufschlussreich und anregend“,  meinte Walter Gottschlich, „ich habe darüber nachgedacht und möchte mich einfach verändern in fachlicher Hinsicht etwas und im Hinblick auf die Örtlichkeit vollständig. Die Kleinstadt bietet auch große Vorteile.“ Heinz Kerber nickte. „Ich habe da etwas für Sie.“ Er zog eine Eisenbahnfahrkarte aus seiner Manteltasche und gab sie Walter. „Es ist eine einfache Fahrt in die schöne hessische Landschaft für den morgigen Tag, falls Sie nicht doch noch abends mit den beiden anderen Herren nach Berlin reisen möchten.“ Auf der braunen Pappkarte stand Göttingen-Gießen Hbf, einfache Fahrt, zweiter Klasse. „Den Eilzug, den Sie am besten nehmen, geht um neun Uhr fünfzig Richtung Frankfurt, es sind nur ein paar Stunden. Das Notaufnahmelager ist in unmittelbarer Nähe vom Bahnhof, dort lassen Sie sich registrieren und dann müssen Sie etwas Geduld haben und alles weitere abwarten. Wir haben bei uns auch eine Bürokratie – nicht nur im Osten. Auf alle Fälle wird man sich aus Göttingen um Sie kümmern.“ Mittlerweile waren sie schon dicht am Bahnhof. Über die Straße hinweg war schon Eberhard Pettasch zu sehen. Die Begrüßung war kurz, aber Herr Pettasch war sehr fröhlich und redete munter auf Walter Gottschlich ein. Er erzählte von seiner Jenaer Zeit und wie er sich hier in Göttingen einleben musste, bis er genügend Geld verdiente um eine Familie gründen zu können. Das Taxi war abfahrbereit. Jetzt musste Eberhard Pettasch den Fremdenführer auf der Fahrt nach Herberhausen spielen.

 

Die Knochenmühle war ein älteres Gemäuer aus Fachwerk, unweit einer Fernstraße gelegen, doch als Gasthof gefiel es ihm sogleich. Der Gastraum war gut gefüllt, doch ihr Tisch stand in der Ecke und  so waren sie etwas abgeschieden von dem Treiben, dass zum Teil aus Studenten und zum Teil offenkundig Angestellten der Universität bestand. Er eröffnete das Gespräch mit seiner Beobachtung der Gäste, wie sich das doch unterscheiden würde von Berlin, wo die Studenten einfach im Alltag kaum auffallen würden und so schloss sich ein angeregtes Gespräch über Universitätsstädte und ihre Eigenarten an.

 

Nach dem Essen lockerte der Obstbranntwein aus Himbeeren die Zungen und Eberhard Pettasch berichtete ausführlich über seine Arbeiten, die nicht nur mit der Elektronenmikroskopie zu tun hatten, sondern auch mikrobiologischer Art und deren chemische Reaktionen waren. Heinz Kerber gab einen Überblick seine Forschungen bei Rudolf Klammer, wo er mit speziellen Verbindungen der Gruppe Chlorvinylarsinen beschäftigt sei und an deren Nachweis und Prozess zur Neutralisierung arbeitete.  „Sie glauben ja gar nicht, was man so findet, wo jemand was vergraben hat oder was noch im Umlauf ist“, tönte er. „Ja, und manchmal gibt es auch Leckagen durch unsachgemäße Lagerung, wie bei der Frau Miser, seitdem fühlt sie sich auch so, nomen est omen“, lachte Eberhard Pettasch meckernd. Heinz Kerber stimmte mit hochrotem Kopf ein und erhob sein Glas: „Auf Ihr Wohl und Wirken im Sauerland Kollege Pettasch!“ Walter Gottschlich fühlte sich schwindelig. Soviel Alkohol war er nicht gewöhnt und er wusste nun auch nicht, ob er auch was dazu sagen sollte. Jedenfalls hatte die Gruppe schon etwas Aufmerksamkeit ringsum erregt. Das bemerkte auch Heinz Kerber und wechselte das Thema. Die dritte Flasche Wein war noch halbvoll und so berichtete er über die Gegend an der Ahr, wo er von Bonn aus gerne Wanderungen hin unternahm. Das half die Wogen zu glätten und nun erhob sich ein Streitgespräch zwischen den Herrn Kerber und Pettasch, ob die Saale-Unstrut-Weine besser als der aus dem Ahrtal wäre. Auf Befragen des Obers bedauerte Jener, dass sie Weine der Lage „Saale-Unstrut“ leider nicht im Keller vorrätig hätten. „Ach, wissen Sie was, Herr Gottschlich“, beschied Heinz Kerber, bei unserer nächsten fröhlichen Zusammenkunft, da bringen Sie einfach eine Flasche Saale-Unstrut aus Berlin mit. Dann prüfen wir das gemeinsam. Jetzt lenzen wir diesen Weißburgunder und freuen uns auf das kommende Treffen dann bei uns in Bonn.“ Walter Gottschlich erhob das wieder gefüllte Glas und versprach: „Drei Flaschen werde ich mitbringen, die sind schwer zu kriegen, doch ich habe Beziehungen, dann werden wir vergleichen!“ Zum Wohle hörte man nur noch und das Klingen der Gläser.  Nach einiger Zeit wurde das Taxi gerufen und man verabschiedete sich in bester Stimmung. Eberhard Pettasch wohnte im Norden von Göttingen und wurde als Erster abgesetzt. Danach wendete sich Heinz Kerber Walter Gottschlich zu. „Ich wünsche Ihnen morgen eine gute Reise und verabschieden Sie sich nicht von Ihren Aufpassern. Die werden es schon früh genug bemerken, dass Sie den Weg in unsere Freiheit gefunden haben. Sie haben meine Visitenkarte, rufen Sie nach Ihrer Ankunft an. Sagen Sie unserer Frau Wintrich, dass Sie gut gelandet sind. Sie richtet es mir dann schnell aus. Gute Nacht und auf Wiedersehen.“ Das Taxi hielt vor dem Hotel und Walter Gottschlich beeilte sich auf sein Zimmer zu gelangen.

 

Am nächsten Morgen spürte er deutlich die Nachwehen und trank eine Tasse Kaffee mehr, als sonst ohne dass die Katerstimmung verflog. Doch auch den beiden anderen erging es nicht besser, sie hatten auch auf dem Abendempfang den geistigen Getränken stark zugesprochen. Walters Vorschlag doch die Koffer schon zum Bahnhof zu bringen um sie dort einzuschließen, weil er noch Besorgungen für zuhause machen wollte, stieß auf keine  Gegenliebe. Er beglich die Hotelrechnung mit dem empfangenen Westgeld und bemerkte, dass er gerade noch fünf D-Mark übrig behielt. Er dachte sich: „Auch Rockefeller hat mit einem Dollar angefangen, Gottschlich eben mit fünf Mark.“ Schnell verließ er das Hotel, die Unterlagen blähten wieder die Aktentasche und wenig später verließ der Eilzug nach Frankfurt mit dem Spezialisten für tödliche Waffen, die nicht nur dem Kampf gegen den Kartoffelkäfer galten, die Universitätsstadt, die für die nächsten Jahrzehnte sein Zuhause werden sollte. Im Zug schrieb er seiner Mutter in Berlin-Charlottenburg auf einer Ansichtspostkarte mit der Gänseliesel den Satz: „Bin hier groß herausgekommen. Staunen wirst du, wenn ich wieder bei dir vorbeikomme, Dein Walter.“ Eine noch nie erlebte Zufriedenheit überkam ihn – er hatte es geschafft und das ist ja die Hauptsache. Er zerriss Professor Bernhard Röbers Vortragspapiere, ließ die Fetzen aus dem Fenster in die Mittelgebirgslandschaft fliegen und spülte die Dias durch die Zugtoilette, wo sie durch das Fallrohr auf den Bahnschwellen zerschellten.

 

Nachsatz:

Die handelnden Personen leben und lebten mit einer anderen Identität und leicht veränderten Vita. Eine Ausnahme bilden Personen mit öffentlicher Bedeutung. Die Tatsachen sind nicht frei erfunden, die Dialoge könnten sich so ereignet haben. Die chemischen Bezeichnungen entsprechen der damaligen Zeit und nicht mehr den heutigen Normen.

Stephan Ebers, Gendringen, im Juli 2020


Chlorfenvinphos ®  war ein Schädlingsbekämpfungsmittel in der DDR

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